ICM - Malerei mit der Kamera

06.06.2026

Unterschiedliche Techniken ermöglichen es, den Stil, das Aussehen von Fotografien zu gestalten. 

Ein paar Tage raus aus dem Alltag, hatte ich im Frühjahr Zeit und Muße, mich dieser Technik etwas intensiver zu widmen.

ICM - ausgeschrieben Intentional Camera Movement - ist eine Technik, bei der es darauf ankommt, die Kamera während des Fotografierens bewusst zu bewegen. Für Außenstehende sieht es schon manchmal lustig aus, wenn man als Fotograf die Kamera hin- und her schwenkt und gleichzeitig erklärt, das man fotografiert. Ungläubiges Kopfschütteln ist öfter mal die Reaktion. Lange Jahre galt es schließlich, die Kamera möglichst ruhig zu halten.  Seit ein paar Jahren kommt diese Technik mehr und mehr in Mode, kann man doch Bildstile kreieren, die eher an Malerei denken lassen. Es geht hier nicht darum, eine Spezies dokumentarisch abzulichten, sondern eher darum, das Bild künstlerisch zu gestalten. 



Spät am Nachmittag komme ich an einem Gewässer an. Das Licht wird weicher, immer goldener. Tiere sind noch nicht in Sichtweite. Ich bin enttäuscht, hatte ich doch auf verschiedene Vögel gehofft. Und doch bleibe ich an diesem Ort. Es ist mittlerweile schon etwas später. Ich kenne mich noch nicht aus, da ich hier vorher noch nicht gewesen bin, habe also auch keine Alternative, von der ich weiß, dass sie besser sein könnte. Also warte ich, beobachte, wie sich der Stand der Sonne verändert, die Farbe des Lichtes sich verändert. Merke, wie Anspannung abfällt.

Nach Sonnenuntergang fliegen Schwäne über die Äcker der Umgebung und landen in einiger Entfernung auf dem Gewässer vor mir. Vereinzelt schwimmen sie am gegenüberliegenden Ufer kurz vor dem Schilfgürtel vorbei. Das Licht ist mittlerweile bläulich geworden. Ich schwenke die Kamera, während ich fotografiere. Manche Formen lösen sich auf, andere werden betont.

Es wird dunkler. 

Die Schwäne sind vorübergezogen, sind nun in einem Bereich, der für diese Technik nicht mehr optimal geeignet ist, da die Lichtverhältnisse dort anders sind. Weit weg sind sie auch. 

Ich packe die Kamera wieder ein, das war doch schonmal ein guter Anfang, auch wenn es ganz anders begann, als gedacht. Dass ich mit ICM in diese Tage starte, war nicht geplant.

Nach einer viel zu kurzen Nacht zieht es mich deutlich vor Sonnenaufgang wieder hinaus. 

Ich fahre zu einem anderen Gewässerbereich, der von Pflanzen durchzogen ist. Als ich dort ankomme, ist es noch richtig dunkel. Dann sind erste Farben am Himmel zu sehen. Oh, das könnte was werden mit Morgenrot. Ich bleibe. Aus dem Schilf und anderen Pflanzen kommen verschiedene Vögel hervor und schwimmen auf den freien Wasserstellen umher. Ein Kiebitz spaziert auf einem kleinen Stück Land herum. 

Wieder bewege ich die Kamera, versuche jetzt, die Farben des Sonnenaufgangs mit in das Bild zu integrieren.

Dokumentarische Bilder kommen mir gerade nicht in den Kopf. Zu faszinierend ist es, wie jede einzelne Fotografie anders aussieht - je nachdem, wie ich die Kamera bewege. Und es begeistert mich, was für kräftige Farben ich auf meinem Display sehe. Das kann doch kaum wahr sein. 

Nach unzähligen Fotografien trete ich den Rückweg an. Es ist mittlerweile hell, das Licht härter, aber immer noch früh genug, um wieder im Bett zu verschwinden, um mich wieder aufzuwärmen. Trotz Mütze und Handschuhen ist mir kalt, auch wenn man es den Bildern nicht ansieht. 

Am Nachmittag ist das Licht zwar härter, ein kühler Wind pfeift mir zusätzlich um die Ohren, aber ich bin wieder unterwegs. An einer anderen Stelle finde ich unterschiedliche Arten von Gänsen. Sie rasten auf Wiesen, in denen zum Teil das Wasser steht. Ich stehe auf einer Straße, habe mein Auto zuvor auf einem Parkplatz abgestellt.  An mir vorbei fahren die Autos, sie sind auf dem Weg zu einem Aussichtspunkt. Nur wenige fahren langsam, um sich die Gänse genauer anzusehen. Ich konzentriere mich auf die Gänse und male wieder mit der Kamera. 

Die Zeit vergeht wieder viel zu schnell. Ich laufe noch bis zum Aussichtspunkt, schaue mich einmal um und entschließe mich, den selben Weg wieder zurück zu gehen, vorbei an den Gänsen. Ich drücke wieder und wieder auf den Auslöser. 

Dass ich mich in diesen Tagen so sehr mit ICM beschäftige, hätte ich selbst nicht gedacht. Was sich aber wieder zeigt, ist die Tatsache, dass es sich lohnt, dran zu bleiben und weiter auszuprobieren oder Technik zu verfeinern. So kann man Erfahrung sammeln und  als Folge schneller werden beim Umsetzten von Ideen. Auch kann man in Situationen besser einschätzen, welche Technik sich lohnt. 


Am kommenden Morgen zieht es mich wieder früh hinaus. Es bestehen Chancen auf Morgenrot. Was für intensive Farben ich dann aber schaffe, einzufangen, hätte ich mir nicht auszudenken gewagt. Ich bin wieder am selben Gewässer, wie am Morgen zuvor. Weiß, von wo die Vögel aus dem Schilf kommen. Weiß, welchen Winkel ich zur Sonne brauche. Weiß, welche Belichtungszeiten am Tag zuvor Erfolge gebracht haben. 

Ich warte darauf, dass die Tiere in den für mich optimalen Bereich schwimmen und drücke auf den Auslöser. Wieder und wieder. 

Orange, rot, pink und lila. Ein Schwan mittendrin. 

Ein Gewässer, an dem die Autos eine Stunde später vorbeifahren, als ob es dort nichts zu sehen gäbe. 

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